Uriel Orlow (*1973) arbeitet an der Schnittstelle von Geschichte, Botanik und postkolonialer Kritik. In seinen Filmen, Installationen und performativen Projekten untersucht er, wie Pflanzen als Träger politischer und historischer Bedeutungen fungieren – und wie das Wissen über sie von Machtkonstellationen geprägt, angeeignet oder verdrängt wird.
«Reveries of Collective Walkers» ist eine Leseperformance, die Pflanzen als Protagonist*innen in den Mittelpunkt stellt und die Menschen dazu einlädt, in einen intimen Dialog mit ihnen zu treten. Das Werk entstand 2022 und wurde seither an verschiedenen Orten aufgeführt, wie zuletzt gerade an der aktuellen Venedig-Biennale «Minor Keys». In Zürich finden die Lesungen im Platzspitzpark und im Arboretum statt – zwei Orte mit ganz unterschiedlichen Ursprüngen.
Das Arboretum wurde Ende des 19. Jahrhunderts als botanische Sammlung angelegt und ordnet Pflanzen nach ihrer Herkunft. Es steht für ein Verständnis von Welt, in dem Vielfalt nach westeuropäischen Kriterien klassifiziert und geordnet wird. Der Platzspitzpark dagegen ist ein gewachsener Stadtraum: Seine Bäume – darunter Platanen aus dem barocken Lusthain des 18. Jahrhunderts – sind Teil einer vielschichtigen urbanen Vergangenheit, in der sich unterschiedliche Nutzungen und soziale Realitäten überlagern, darunter die offene Drogenszene der 1980er- und frühen 1990er-Jahre.
An beiden Orten sind die Pflanzen Träger dieser Schichten. Ein Ginkgo aus Ostasien, ein Zedernbaum aus dem Libanon, eine Platane aus Kleinasien: Jede Pflanze trägt Spuren in sich, die weit über den Ort hinausreichen, an dem sie steht. Der Künstler lädt dazu ein, ihnen in der eigenen Sprache und mit der eigenen Stimme vorzulesen. Die Pflanzen hören zu: Sie atmen das CO2 ein, das beim Sprechen ausgestossen wird. So entsteht eine Form der Verbindung und Gemeinschaft, die das Verhältnis zwischen Menschen und nicht-menschlichen Akteuren im Kontext kolonialer und ökologischer Verflechtungen neu denkt. Der Spaziergang selbst wird zur Form des Wissens, getragen von Stimmen, Pflanzen und der gemeinsamen Präsenz im Raum.
Was passiert hier genau:
An drei Terminen finden Lesungen im Platzspitzpark und im Arboretum statt. Nach einer gemeinsamen Einführung sucht sich jede*r einen Text und eine Pflanze, verweilt bei ihr und liest ihr vor. Texte in verschiedenen Sprachen werden bereitgestellt – eigene Texte sind willkommen.
Ort
Arboretum und Platzspitzpark
Termine
Samstag, 20. Juni · 15–15:45 Uhr · Arboretum
Samstag, 27. Juni · 15–15:45 Uhr · Platzspitz · in Anwesenheit des Künstlers
Sonntag, 5. Juli · 15–15:45 Uhr · Arboretum
Teilnahme frei und ohne Anmeldung.
Witterungsabhängig. Programm kurz vor dem Termin prüfen.
Foto Credits: Uriel Orlow, Reveries of Collective Walkers (Venice), 2026, photo: Renato Chorão
