Marion Strunks (*1949) bevorzugtes Medium ist der Faden. Der Faden als Verbindung. Sie verhüllt, umwickelt und bekleidet Skulpturen und Denkmäler im öffentlichen Raum mit rotem Wollfaden. Durch diese Eingriffe verschiebt sich die Wahrnehmung: Was zuvor übersehen wurde, tritt hervor und zeigt sich wortwörtlich in neuem Kleid.
Für «The Zurich Archipelago» interveniert die Künstlerin an zwei historischen Bronzemonumenten. Am Waldmann-Denkmal (1937) von Hermann Haller auf der Münsterbrücke umhüllt sie die Streitaxt und die spitzen Sporen an den Stiefeln mit roter Wolle – Attribute von Macht und Gewalt, die durch die weiche Wolle ihre Schärfe verlieren und dem umstrittenen Heerführer und Bürgermeister Zürichs das Kriegerische nehmen. Das Reiterstandbild zeigt Hans Waldmann, der im 15. Jahrhundert die Stadt regierte, und dessen Herrschaft von Machtmissbrauch und Korruption geprägt war. 1489 wurde Waldmann auf Beschluss der Stadt Zürich vom Scharfrichter enthauptet. Das Denkmal entstand in den 1930er Jahren, im Klima der «Geistigen Landesverteidigung» und war schon bei seiner Errichtung umstritten. In erneut kriegerischen Zeiten nimmt Strunk die Geschichte des Denkmals auf und deutet sie mit ihrer feinen Intervention um.
Mit Aphrodite (1921) greift der Künstler Einar Utzon-Frank auf ein bekanntes Motiv der Antike zurück: die Göttin der Liebe, Schönheit und sinnlichen Begierde. Die Statue im Arboretum ist eine der vielen nackten Frauenskulpturen, die in Zürich und im öffentlichen Raum europäischer Städte zur Schau gestellt werden und meist von männlichen Künstlern geschaffen wurden. Strunk bedeckt die intimen Stellen der Plastik. Die weiche Wolle legt sich fürsorglich um den Körper und schützt ihn vor voyeuristischen Blicken.
Wolle und Faden – traditionell weiblich konnotierte Materialien – treten der Härte der Bronzen entgegen. Sie verhüllen, umkleiden und verschieben Bedeutungen. Hinter Strunks Interventionen steht stets auch ein Gedanke von Care, denn das wärmende Material fördert Wohlbefinden und schützt die Objekte.
Was passiert hier genau:
Die textilen Eingriffe sind während des gesamten Festivalzeitraums sichtbar – am Waldmann-Denkmal auf der Münsterbrücke und an der Aphrodite im Arboretum.
Ort
Intervention am Hans-Waldmann-Denkmal: Münsterbrücke (Ecke Stadthausquai / Münsterhof, 8001 Zürich)
Intervention an der Aphrodite: Arboretum (bei General-Guisan-Quai 26, 8002 Zürich)
Besuch
7. Juni – 12. Juli
jederzeit zugänglich
Fotos Credits: Intervention am Hans-Waldmann-Denkmal, 2026. Foto: Peter Baracchi © Kunst im öffentlichen Raum (Kiör)
